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28.05.2021

GC HOCKEY-TRAINER FACUNDO QUIROGA – DER TÜFTLER

Als Teenager nervte er seine Mitspieler mit Anweisungen. Er liebt die Taktik und schaute zuletzt Fussball-Gigant Marcelo Bielsa über die Schultern: Gestatten, Facundo Quiroga, Cheftrainer der Landhockey-Sektion des Grasshopper Club.

Wer Facundo Quiroga zum Gespräch trifft, sieht einen drahtigen Mann, wie er über einem Laptop brütet, Schreiber und Block zur Hand. Die letzten Spiele seiner Hoppers, die kommenden Gegner – alles seziert der argentinische Profi-Trainer der Landhockey-Sektion. Momente, in denen seine Gedanken nicht um GC kreisen? Sie sind rar. «Freizeit habe ich eigentlich keine», sagt Quiroga und lacht. Seit dem Oktober 2019 ist er ein Hopper, seit ihn ein Trainerkollege beim Grasshopper Club empfahl. Und seither treibt er die Entwicklung seines Teams voran – mit brennendem Ehrgeiz. «Wir Argentinier lieben den Sport und wir lieben den Wettbewerb», sagt er. Er setzt sich ihm seit Kindstagen aus. Am 2. Juli 1987 kam er in Trelew zur Welt, einer Stadt in der Provinz Chubut im südlichen Argentinien, 25 Kilometer von der Atlantikküste entfernt. Als Siebenjähriger spielt er bereits Landhockey – und Fussball, die heisseste Leidenschaft der Argentinier. «Ich liebe bis heute beides», sagt Quiroga.

Trainer von Geblüt
Mit 13 allerdings entscheidet er sich fürs Hockey, weil es da ein bisschen geselliger zugehe und familiärer – oder auch: sozialer. «Der Fussball in Argentinien ist gnadenlos», sagt er.

Sein Weg führt ihn als Spieler bis in die argentinische Hallen-Nationalmannschaft. Vor allem aber führt sie ihn dahin, wohin er noch heute sitzt: auf die Trainerbank. «Ich habe mir schon als Kind Gedanken gemacht, was auf dem Platz passieren soll. Ich dachte nie: Gebt mir den Ball, ich will einfach spielen.» Früh erwächst in ihm ein kleiner Trainer, der sich über den Gegner Gedanken macht und die eigenen Mitspieler dirigiert. «Ich habe wohl ziemlich genervt», sagt er und lacht. Bald trainiert er Jugend- und Frauenteams, in Rosario und Buenos Aires. Er studiert Sport und Journalismus, ohne je eine Zeile für ein Medium zu schreiben. Er bildet sich als Trainer weiter, erklimmt die höchste Ausbildungsstufe für Landhockey-Trainer in Südamerika. Und er besucht Taktikkurse im Fussball. Er liest zum Thema, was er in die Finger kriegt, seziert Spiele, Trainings und knüpft bei Spielen, auf Seminaren oder an Tagungen Kontakte – auch zu Fussballtrainern.

Die Chance im Profifussball
Es ist auch die Zeit, in der Fussballtrainer immer häufiger über die Grenzen des eigenen Sports blicken und das Knowhow aus anderen Sportarten anzapfen – besonders aus dem Landhockey, das seiner Struktur und Geometrie wegen dem Fussball gleicht. Der grosse holländische Trainer Louis van Gaal setzte zu seiner Zeit als Nationaltrainer auf Landhockey-Trainer als Analysten, Jürgen Klinsmann wollte den deutschen Landhockey-Nationaltrainer Bernhard Peters ins Amt des Sportdirektors des Deutschen Fussball-Bundes heben. Und auch in Argentinien sind Landhockey-Trainer wie Facundo Quiroga begehrt. «Wir hatten immer einen sehr analytischen Ansatz», sagt er. Das Spiel auf engem Raum, das Entwickeln von Angriffsstrategien und darauf ausgerichtete Trainingsformen – darin gelten die Landhockey-Coaches als besonders geschickt. «Wir sind fast ein bisschen Nerds», sagt er.

Der Fussball-Trainer Nicolas Larcamon unterbreitet ihm dann das grosse Angebot: Er will ihn als Videoanalyst nach Chile mitnehmen, wo er den Club Deportes Antofagasta und später Deportivo Huachipalto trainieren darf. Vom Landhockey in den Profifussball? Quiroga fühlt sich der Aufgabe gewachsen, und ohnehin ist er trotz analytischer Begabung keiner, der alles endlos abwägt oder gar seine Karriere gefährdet, weil er zögert. «Let’s do it», sagt er sich. Er tüftelt an Strategien, zerlegt die Gegner, trainiert zwischendurch ein Landhockey-Frauen-Team in der Region. Und er ist glücklich in Antofagasta oder Huachipalto.

Dann kommt, was er nicht erwartet hätte: ein Angebot aus Zürich. Die Landhockey-Sektion sucht im Sommer 2019 einen neuen Trainer. Und weil einer der Kandidaten Quiroga kennt und ihn empfiehlt, lernen sich die Parteien kennen. Quiroga kommt nach Zürich und begleitet den Nachwuchs in ein Camp. Er tauscht sich mit den anderen Trainern aus, dem Sektionsvorstand und Spielern der ersten Mannschaft– die Chemie stimmt. Zürich gefällt ihm auch. Und die Aussicht, nach Europa zu kommen, ganz in die Nähe der Landhockey-Nationen Belgien, Holland oder Deutschland? Das reizt ihn erst recht. Quiroga sagt zu. Und bereut hat er’s nicht, auch wenn ihm seine Familie und seine Freunde fehlen und er für eine Partnerin vorerst keine Zeit hat.

Hospitieren bei Bielsa
Als er im Herbst 2019 in Zürich landet, kann er weder Deutsch noch Englisch – und doch muss er bald ein Team führen und dieses von seinen Ideen überzeugen. Eine Herausforderung, die er meistert. Auch dank der Unterstützung von Sektionsmitglied Laura Palostrou Gonzalez, die zu Beginn übersetzt. Inzwischen spricht Quiroga gut Englisch – so gut jedenfalls, dass er sein Team mühelos anleiten kann.

Schwieriger war für den Besessenen etwas anderes. Er, der Profi, der für seinen Beruf lebt, arbeitet mit Spielern, die ihren Sport lieben – jedoch keine Profis sind, sondern arbeiten müssen oder studieren und Familien haben. «Das muss ich akzeptieren», sagt er. «Aber die Jungs haben einen tollen Charakter, sie wollen und sind wissbegierig.» Das ist er selbst noch immer. Darum belegt er unter anderem einen Nachdiplomstudium in «Sports Analytics», das der grosse FC Barcelona anbietet. Hospitieren durfte er hierfür – beim FC Utrecht in Holland und bei einem Meister seines Fachs: Marcelo Bielsa, den Pep Guardiola schon mehrfach als besten Trainer der Welt adelte. Der Argentinier, einst Nationaltrainer seines Landes und von Chile, unter anderem an der WM 2010 Gruppengegner der Schweiz, trainiert Premier-League-Klub Leeds. Quiroga sah ihm zwei Wochen zu: in jedem Training, bei der Gegneranalyse, bei den Spielen. «Ein Genuss», sagt Quiroga. Ab Sommer startet er überdies mit der Ausbildung für die Uefa-Pro-Lizenz – der höchsten Trainerausbildung im Fussball. Covidbedingt per Fernstudium.

Ziel? Top 4
Alles Knowhow will er einfliessen lassen, um seine Ziele mit GC zu erreichen. Die da heissen? «Erst mal wollen wir unter die Top 4 in der Schweiz kommen. Das ist schwierig genug. Vor allem aber will ich GC auf ein neues Level heben, damit wir auch europäisch spielen können.» Mit der Einführung der Video- und Gegneranalyse sind erste Schritte getan. Und an Quriogas Eifer wird das Vorankommen der Landhockey-Hoppers gewiss nicht scheitern.

Michael Schifferle