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24.01.2020

RUDERN | "DER KOPF KÄMPFTE GEGEN DEN BAUCH UND DAS HERZ"

Vor rund einem Jahr haben sich die beiden Grasshopper Florian Ramp und Dominic Schaub entschlossen, als Duo im Ruderboot den Atlantik zu überqueren. Sie bereiteten sich in der Folge minutiös auf die "Talisker Whisky Atlantic Challenge" vor, so dass sie guten Gewissens, alle Vorkehrungen getroffen zu haben, am 12. Dezember in La Gomera auf den Kanarischen Inseln als „Team Atventure“ das Rennen starten konnten, mit dem 4'800 Kilometer entfernten Ziel Antigua in der Karibik. Aber schon am selben Abend begann für Dominic Schaub eine herbe Enttäuschung – die Seekrankheit hatte ihn befallen. Weil sich keine Besserung einstellen wollte, musste er zehn Tage später die Reissleine ziehen und sich evakuieren lassen. Sein Kollege Florian Ramp dagegen fühlte sich wohl und in der Lage, die Challenge fortzusetzen und für beide die Kohlen aus dem Feuer holen zu können. In etwa drei Wochen wird er im Ziel in der Karibik erwartet.

Der Evakuierung vorausgegangen waren Tage der Ungewissheit: überwindet Dominic Schaub die Seekrankheit, oder nicht? Dabei hatte alles sehr hoffnungsvoll begonnen. Der Start und die nachfolgende Ausfahrt aus dem Hafen, hinaus aufs offene Meer gestaltete sich nach Plan. Schaub: „Florian ruderte, ich steuerte das Boot, da wir gegen einen heftigen Seitenwind kämpften. Später konnte ich den Autopilot einschalten und ebenfalls rudern. Es lief wie am Schnürchen.“

Am 10. Tag Reissleine gezogen

Als auf dem offenen Meer aber die Wellen höher und höher wurden, war der Autopilot überfordert, schaffte es nicht mehr, das Boot auf Kurs zu halten, worauf es manuell gesteuert werden musste. Als dann die Dunkelheit hereinbrach, der Mond noch nicht zu sehen und es schliesslich stockdunkel war, konnte kein Fixpunkt mehr ausgemacht werden, an dem sich die Augen hätten „halten“ können. Die Folge: Die Seekrankheit schlug bei Dominic Schaub gnadenlos zu. Schwindel behinderte ihn beim Rudern und bald hatte er auch den Kampf gegen den Brechreizes verloren. „Ich war nicht mehr in der Lage auf dem Boot meinen vorgesehen Beitrag zu leisten, war mehrheitlich mit mir beschäftigt“, blickt Dominic Schaub zurück, der meistens liegend im Bauch des Boots auf Besserung wartete. Dennoch gab er nicht auf, mental unterstützt von Florian Ramp und dem Rennarzt, der über Funk mit den beiden Zürchern kommunizierte und die Hoffnung nährte, dass sich das Unwohlsein nach dem sechsten, siebten Tag verflüchtigen könnte. Als das Meer relativ ruhig war kam tatsächlich Hoffnung auf. Dominic konnte nicht nur Nahrung aufnehmen, sondern auch seinen Ruder-Beitrag leisten und damit Florian, der bis dahin alleine ruderte, unterstützen. Mit zunehmend unruhigerer See aber verpufften wieder alle Anstrengungen, zur Normalität zurückzukehren. Die Seekrankheit blieb hartnäckig, die herkömmlichen Medikamente halfen nicht, sodass sich der Geplagte am zehnten Tag auf dem Atlantik entschied, das Unternehmen abzubrechen. Florian seinerseits fühlte sich fit und entschied nach vorheriger telefonischer Rücksprache mit seiner Frau, solo weiter zu rudern. Deshalb gab es nur eine Möglichkeit der Rettung: Die Rennleitung wurde gebeten, Dominics Evakuierung auszulösen. Denn bei der zweiten Rettungsmöglichkeit, den internationalen Notruf „Mayday“ abzusetzen, wäre das nächst gelegene Schiff zur Lebensrettung verpflichtet, würde aber beide Passagiere aufnehmen und das Material, sprich das Boot, seinem Schicksal überlassen. Aber dieses war bereits vor Rennstart verkauft worden, weil dessen Erlös in der Gesamtrechnung des Projekts grosse Bedeutung hat.

"Fische mögen keine Erdnussbutter"

„Ich wurde von der Rennleitung und dem Rennarzt jederzeit bestens betreut, musste aber anerkennen, dass mein Kampf gegen die Seekrankheit nicht zu gewinnen war. Wir hatten uns vor dem Rennstart auf alle voraussehbaren Eventualitäten vorbereitet, gegen die Seekrankheit aber ist kein Kraut gewachsen“, so Dominic Schaub. Also bereitete er sich nun auf die Evakuierung vor. Weil die Support-Jacht von La Gomera kam, brauchte sie für die Strecke zum Boot, das bis zur Rettung zwingend auf dem Para Anker, dem Treibanker liegen musste, knapp drei Tage.  Eine lange Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist und zusehen muss, wie vorher überholte Boote an einem vorbeiziehen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war Florian sehr gut vorwärts gekommen. Immerhin konnten die beiden Freunde die Zeit nutzen, Florian auch über Dominics Arbeitsgebiet nochmals eingehend einzuweihen, damit dieser sich bei seiner Solo-Aktion aufs Wesentliche, das Rudern konzentrieren kann. Und die Crew hat sich von unnötig gewordenem Ballast befreit, u.a. von vier Kilo Erdnussbutter, die nur von Dominic verwendet worden wäre. Sie wurde aber von den Fischen verschmäht und verschmierte zudem die Bootswände, sodass Dominic zur Reinigung in den Atlantik „steigen“ musste.

Fürsorgliche Betreuung auf der Support-Jacht

Bei Ankunft der Supportjacht waren Dominics Utensilien in wasserdichte Säcke verpackt, so dass die Evakuierung problemlos vonstatten gehen konnte. Der Skipper, gleichzeitig Rennarzt, checkte Dominic nochmals durch, kam aber auch zum Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering ist. Also verabschiedeten sich die beiden Grasshopper und Dominic wechselte das Boot. Dass sein Entscheid richtig war, bestätigte sich nur kurze Zeit später: Auch auf der 15-Meter-Jacht überkam ihn wieder Schwindel und Übelkeit, trotz fürsorglicher Betreuung durch die Crew. Während sich die Mitglieder die Zeit mit Lesen, Backen oder ähnlichem vertrieben, musste Dominic vorzugsweise an der frischen Luft an Deck liegen, um dem „Magen Entlastung zu bieten“.  Aber er konnte wenigstens mehrere Delphine beobachten, die sowohl die Evakuierung, als auch die Jacht während einiger Meilen begleiteten. Eine Besserung trat dann erst an Land ein: „Als mich meine Freundin begrüsste, schwankte der Boden noch mächtig, ab dem dritten Tag aber hatte sich die Situation dann normalisiert und der Rückflug nach Zürich konnte angetreten werden.

Prinzipien eingehalten

Seit Dominics Rückkehr sind einige Tage vergangen, Zeit für ihn, das Geschehene zu reflektieren. Es ist festzustellen, dass er sich erholt hat und, trotz aller Enttäuschung auf die Leistungen der beiden  Ruderer stolz sein kann. „Die Vorbereitung haben wir nach bestem Wissen gemacht und unsere von Beginn an festgelegten Prinzipien eingehalten: 1. jederzeit der Sicherheit höchste Priorität beigemessen, 2. die Gesundheit nicht aufs Spiel gesetzt und 3. unsere Freundschaft nicht gefährdet. Nachdem ich mich nach mehrtägigem Kampf den Wellen beugen musste, war der Abbruch unumgänglich. Das ist ein Fakt, der zu respektieren ist“, so Dominic Schaub. Ihm ist bewusst geworden, dass man in diesem Rennen, das ja vom Veranstalter bewusst als „Atlantic Challenge“, als „Abenteuer“ und nicht als „Atlantic Race“, „Rennen“ bezeichnet wird, nicht gegen Gegner rudert, sondern gegen die Elemente.

Der schwierigste Zeitpunkt für Dominic auf dem Atlantik war, den Abbruch zu vollziehen: „Wenn noch etwas Resthoffnung besteht, klammert man sich daran. Da kämpft der Kopf gegen den Bauch und das Herz. „Schliesslich ging es auch darum, Florian nicht leichtfertig im Stich zu lassen“, blickt Dominic zurück. „Aber Florian hat mich jederzeit bestmöglich unterstützt und mich absolut nicht unter Druck gesetzt. Schliesslich hat er meinen Entscheid sportlich genommen und mit grosser Überzeugung das Rennen fortgesetzt. Er wird es auch durchstehen, davon bin ich überzeugt.“ Florian hat zwar keinen Gesprächspartner mehr im Boot, ist aber dennoch nicht alleine, kann sich jederzeit am Telefon oder über Funk austauschen und über diese Kanäle, wenn nötig, auch technische Unterstützung anfordern, auch von Dominic Schaub.

Auch viele positive Erlebnisse

Als der („einzig richtige“, Zitat Dominic) Entschluss gefasst worden war, war die innere Zerrissenheit verflogen. Und mit zunehmendem Abstand wird sich Dominic vor allem an die schöne Zeit der Vorbereitung, den guten Renn-Start, die tollen Eindrücke wie den Sonnenuntergang, den sternenklaren Himmel, die Begleitung durch die Delphine, Fische und Schildkröten erinnern - und er wird es niemals bereuen, sich dieser Challenge gestellt zu haben. Dominic verdient höchsten Respekt. Er wird, zusammen mit Florian Ramp, die gemachten Erfahrungen anlässlich von Vorträgen mit Sponsoren und anderen Interessierten teilen und dabei nicht nur eine, sondern zwei Geschichten erzählen können. Zudem werden die beiden zum gegebenen Zeitpunkt das Projekt definitiv abschliessen und auch die Charity-Zusage an die Spitex einlösen.

Eugen Desiderato